Berge, Wein und Schoggi

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Eine kleine zunächst unbeabsichtigte Wandertour zu und durch einen der

höchsten Weinberge Europas: die Rieben bei Visperterminen

Ich hab’s nicht anders gewollt.

Jetzt stehe ich in Visperterminen. IMG_2517 bear

An jeder Haltestelle, die der Bus höher kletterte, siegte die Neugier über die Vernunft und ich blieb sitzen.

Hier an der Endstation habe ich zwei Möglichkeiten. Warten oder wandern. Warten kann ich eigentlich ganz gut. Zu gerne sitze ich in einem Café und vertiefe mich in jede noch so unsinnige Lektüre. Doch mein Frühstück hatte ich gerade im Bus (Kaffee to go und ein Schokoriegel). Und dann ist da dieser Drang, nein der Ruf, der vielbeschworene. Also laufe ich dem Berg entgegen und hoffentlich bald bergab Richtung Rieben. Dort möchte ich eigentlich hin. Zwischen mir und diesem vermeintlich höchsten Weinberg Europas liegen ca. 500 m Höhenunterschied und ein unbekannter Weg. Eine Karte hab ich nicht. Mein ganzes Vertrauen ruht auf den gewissenhaft ausgeschilderten Schweizer Wanderwegen.

Nein ich mache keinen Selbstfindungsurlaub al la „jeder Weg führt zu mir“ – im Schatten der allmächtigen Alpen. Ich möchte fotografieren. Exakter: ich möchte Weinberge, Weinreben und Weintrauben in jeglicher Form und mit allem Drum und Dran fotografieren.

IMG_2631 bearb2014Nach 15 Minuten laufen (auf einem Wanderweg wandert man, oder? Aber kann man nach 15 Minuten schon vom wandern sprechen?), also laufen, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Kamera noch nicht ausgepackt habe. Es ist zwar kein Weinberg in Sicht, aber man kann ja nie wissen. Mit der Kamera in der Hand wird so manch unbeachteter Kuhstall plötzlich zum Motiv. Doch das Licht ist trübe und das betrübt mich. Der Föhn sollte doch heute die Wolken vertreiben, der Schuft. Es bläst kein Föhn und die Wolken bleiben. Die frühe Sonne kriecht über den Berg und gibt ihr Bestes, doch noch eine schöne Morgenstimmung zu verbreiten. Ich schätze das und versuche, die ersten Bilder einzufangen: Gegenlichtmatsch. Pastellfarben. Schatten. Schattige Pastellfarben. Schattige Pastellfarben im Matsch. Ich sehe zu, dass ich weg komme und hoffe in jeglicher Hinsicht auf Sonnenschein. Während ich laufe – mittlerweile wandere – merke ich, dass ich gerne wandere. Gestern half ich noch bei der Weinlese und dachte, dass ich arbeite. Das tat ich auch. Doch die eigentliche Arbeit bestand darin, immer wieder neue Positionen einzunehmen, um dem Schmerz der Fehlhaltung entgegenzuwirken. Bis sich die neue Haltung wieder als fehl und schmerzhaft herausstellte. Ich verlor mich im Detail der Weintraube. Und da ich blutige Anfängerin bin, rutschte ich im Weinschneckchentempo von Rebstock zu Rebstock. Jetzt erstreckt sich vor mir, neben mir und unter mir einfach nur Weite. Manchmal überkommt mich der Übermut und ich hopse gar den Berg hinab.

Als ich die Weinberge endlich sehen kann, weiß ich, dass es richtig war, sich von der Neugier immer weiter hinauf leiten zu lassen. Von hier oben bekomme ich wirklich ein Gefühl von derIMG_2756 bear Höhe der Rieben. Vom Tal aus betrachtet erscheinen sie im Schatten der Drei- und Viertausender, trotz der eingenen 1000 m ü.M., wie ein deprimierter Hügel. Doch hier, dem Himmel ein Stück näher und mit der frischen Bergluft in der Nase, gebe ich mir alle Mühe, dieses „Hochgefühl“ auch auf den Fotos festzuhalten. Ich spiele mit Blende und Perspektive und vergesse den schattigen Pastellfarbenmatsch vom Beginn meiner Wanderung.

Dann bin ich mitten in den Reben. Die Sonne lässt sich immer noch bitten und fordert weiterhin Geduld und Optik heraus. Auf dem gesamten Weinberg werden fleißig die Trauben gelesen. Mit Kamera und ungeeignetem Schuhwerk bin ich für alle auf den ersten Blick als Touristin zu erkennen. Man grüßt mich mit höflicher Distanz, lässt mich rumturnen und Fotos schießen, bis sich schließlich doch noch der Sonnenschein ausbreitet.

Beim „Abstieg“ schenkt mir ein Ehepaar eine ganze Traube Heida*. Ich zupfe nicht Beere für Beere einzeln ab, sondern knabber genüsslich an der ganzen Traube. Zu den Grüßen kommen nun auch grinsende Gesichter. Die einen mehr, die anderen weniger breit. Doch anscheinend hat man seinen Spaß an der naschenden Fotografin. Als ich die offiziell breitgetretenen Wege verlasse und wirklich querbergein zwischen den Reben hinabsteigen möchte, muss ich den Rest meiner Knabbertraube wegwerfen. Höhenangst und steinig-steile Wege fordern alle meine Sinne heraus. Ich suche Treppen und finde Mauern. Ich suche Halt und rutsche weiter. Ich komme zum Höhepunkt. Auf jeden Fall, was den Adrenalinspiegel angeht. Auf den letzten Metern wird mein Wanderausflug noch eine richtige Klettertour und die emsigen Weinleser haben meine volle Hochachtung.

IMG_1785Der Talboden ist nahe, die Chipkarte in der Kamera ist voll und mein Magen leer. Ohne etwas zu essen überwinde ich keinen Höhenmeter mehr. Dreieinhalb Stunden lang kann kein Frühstücksschokoriegel nähren. Doch woher hätte ich wissen sollen, wo mich Bus und Neugier hinbringen? Morgen hab ich eine ganze Tafel Schoggi im Rucksack.

Weitere Tipps und Informationen:

*Heida ist der Oberwalliser Name der Rebsorte Savagnin Blanc. Im Schweizer Kanton Wallis werden seit einigen Jahren wieder Spitzenweine aus dieser Rebsorte gekeltert. Herr von Due ist stolz, den Heida der Kellerei Chanton aus Visp exklusiv in Deutschland anbieten zu können. Denn Senior Chosy Chanton erweckte den Haida in den 1960er Jahren aus seinem Dornröschenschlaf, nachdem er in direkter Nachbarschaft der Rieben einen Hektar Heida neu anpflanzte. Für eine kleine Familienkellerei war das damals eigentlich Wahnsinn. Wahnsinn, der sich ausgezahlt hat: Die Heidaweine der Kellerei Chanton gehören seit langem zu den besten der Schweiz.

Wer selber einmal durch die wunderschönen Weinberge des Oberwallis wandern möchte, kann sich auf der Homepage von Visperterminen einstimmen und informieren. Jetzt im Herbst ist die schönste Jahreszeit, um sich von den verschwenderischen Farben der Rebstöcke und Wälder bezaubern zu lassen.

Häufig werden die Rieben als DER höchste Weinberg Europas bezeichnet. Wer es besser weiß und sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat, ist der Walliser Genetiker-Ampelograph und Weinliebhaber Dr. José Vouillamoz. Wer sich für Weine aus den höchsten Lagen Europas interessiert, kann hier Näheres erfahren:

Die Wahrheit über Heida“

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